Warum Frauen im Fitnessstudio systematisch unterfordert werden

Warum Frauen im Fitnessstudio systematisch unterfordert werden

Pexels: Andrea Piacquadio

Jahrelang wurde Frauen im Fitnesskontext eine einfache Botschaft eingetrichtert: Krafttraining ist gefährlich, schwere Gewichte machen „massig“, echte Fitness entsteht durch Ausdauer, Kurse oder Geräte mit vorgegebenen Bewegungsbahnen. Wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass diese Narrative weniger mit Physiologie zu tun haben als mit Bequemlichkeit, wirtschaftlichen Interessen und struktureller Bevormundung. Frauen trainieren nicht schlechter als Männer – sie werden schlechter trainiert.

Ein Blick auf Trainingspläne in Fitnessstudios genügt. Sie ähneln sich auffällig stark, unabhängig von Alter, Zielsetzung oder körperlicher Vorgeschichte. Brustmaschine, Rückenmaschine, Ab- und Adduktoren, Beinpresse, dazu ein Kursangebot aus Aerobic, Bauch-Beine-Po oder funktionalem Hüpfen ohne Progression. Variation findet kaum statt, Belastungssteuerung noch seltener. Während Männer nach einer kurzen Eingewöhnung oft an freie Gewichte herangeführt werden, bleiben Frauen dauerhaft im betreuten Schonraum der Maschinen gefangen.

Das Märchen von den „Muskelbergen“

Die Angst vieler Frauen, durch schweres Training ungewollt massive Muskelberge aufzubauen, ist biologisch nicht haltbar. Muskelhypertrophie ist ein hormonell gesteuerter Prozess. Frauen verfügen im Vergleich zu Männern über deutlich geringere Testosteronspiegel, dafür über höhere Östrogenwerte. Östrogen wirkt nicht primär muskelaufbauend, sondern unterstützt eher Bindegewebe, Knochenstoffwechsel und Regeneration. Selbst bei intensivem Krafttraining sind die Zuwächse bei Frauen moderat, funktionell und gesundheitlich sinnvoll, aber weit entfernt von bodybuilderähnlichen Dimensionen.

Diese Zusammenhänge sind seit Jahrzehnten bekannt und in sportmedizinischen Lehrwerken dokumentiert. Dennoch werden sie im Studioalltag ignoriert. Statt Aufklärung dominiert Angstmanagement. Frauen sollen nicht verstehen, sondern beruhigt werden. Das Resultat ist Unterforderung statt Überlastung.

Maschinen statt Kompetenz

Maschinentraining hat seine Berechtigung – etwa in der Rehabilitation oder in frühen Lernphasen. Problematisch wird es, wenn Maschinen zur Endstation werden. Vorgegebene Bewegungsbahnen nehmen dem Nervensystem zentrale Aufgaben ab. Stabilisation, Koordination und Kraftübertragung bleiben unterentwickelt. Genau diese Fähigkeiten sind es jedoch, die im Alltag, im Alter und zur Verletzungsprävention entscheidend sind.

Studios argumentieren gern mit Sicherheit. Tatsächlich sind freie Übungen bei fachkundiger Anleitung nicht gefährlicher als Maschinen. Studien der deutschen Sporthochschulen zeigen vielmehr, dass korrekt angeleitetes freies Krafttraining die funktionelle Stabilität verbessert und Verletzungsrisiken senkt. Trotzdem bleiben Frauen häufig ausgeschlossen – nicht aus medizinischen Gründen, sondern aus pädagogischer Bequemlichkeit.

Trainerlizenzen und die Illusion von Qualität

Die formale Qualifikation vieler Trainer suggeriert Professionalität. A- und B-Lizenzen klingen nach Expertise, garantieren sie aber nicht. Die Ausbildungsinhalte sind häufig oberflächlich, standardisiert und stark geräteorientiert. Individualisierung, geschlechtsspezifische Trainingssteuerung oder langfristige Progressionsmodelle spielen eine untergeordnete Rolle. In der Praxis führt das dazu, dass Frauen mit denselben Programmen versorgt werden – unabhängig von Ziel, Belastbarkeit oder Erfahrung.

Besonders auffällig ist die Diskrepanz im Coaching-Stil. Männer erhalten häufiger technische Korrekturen, Progressionsvorschläge und Leistungsziele. Frauen hingegen werden motiviert, „dranzubleiben“, „Spaß zu haben“ und „nicht zu übertreiben“. Das ist keine Gleichbehandlung, sondern strukturelle Unterforderung.

Ökonomische Bequemlichkeit als System

Standardisierte Trainingspläne sind effizient. Sie sparen Zeit, Personal und Verantwortung. Ein Zirkel für alle ist leichter zu betreuen als individuelle Programme. Kurse lassen sich skalieren, Maschinen benötigen weniger Erklärung. Für Betreiber ist das attraktiv, für Trainierende langfristig problematisch. Frauen zahlen denselben Mitgliedsbeitrag, erhalten aber häufig ein Training, das unter ihren physiologischen Möglichkeiten bleibt.

Hinzu kommt ein kulturelles Element. Weibliche Kraft wird gesellschaftlich ambivalent betrachtet. Stärke ist akzeptiert, solange sie nicht sichtbar wird. Ein definierter Körper gilt als okay, ein leistungsfähiger als bedrohlich. Diese Haltung spiegelt sich im Studiokonzept wider – subtil, aber wirksam.

Gesundheitliche Konsequenzen der Unterforderung

Die Folgen dieses Trainingsparadigmas sind messbar. Fehlende Kraftprogression begünstigt den Verlust von Muskelmasse, insbesondere ab dem vierten Lebensjahrzehnt. Osteoporose, Gelenkinstabilitäten und chronische Rückenschmerzen sind bekannte Konsequenzen. Gerade Frauen würden von systematischem Krafttraining profitieren – für Knochendichte, Stoffwechsel, Haltung und langfristige Selbstständigkeit.

Physiotherapeutische Leitlinien und Empfehlungen der Bundesärztekammer betonen seit Jahren die Bedeutung von Krafttraining für Prävention und Therapie. Trotzdem bleibt diese Erkenntnis im Fitnessalltag vieler Frauen folgenlos.

Was individuelles Training wirklich bedeutet

Individuelles Training heißt nicht kompliziert, sondern angepasst. Belastung, Bewegungsumfang, Progression und Zielsetzung müssen zur Person passen. Freie Grundübungen, sinnvoll skaliert, sind dabei kein Privileg für Männer. Sie sind das Fundament funktioneller Fitness für alle. Frauen benötigen keine Sonderbehandlung, sondern ernsthafte Trainingsplanung.

Das bedeutet auch, Verantwortung zu übertragen. Wer Frauen zutraut, Gewichte zu bewegen, traut ihnen auch Selbstwirksamkeit zu. Genau diese Erfahrung fehlt vielen – nicht aus Mangel an Fähigkeit, sondern aus Mangel an Gelegenheit.

Ein System, das sich selbst entlarvt

Wenn Frauen jahrelang trainieren, ohne messbar stärker zu werden, ist das kein individuelles Versagen. Es ist ein systemisches. Die immergleichen Programme, die immergleichen Maschinen, die immergleichen Kurse sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck eines Systems, das Frauen beschäftigt, aber nicht befähigt.

Wer ernsthaft Gleichberechtigung im Fitnessbereich will, muss hier ansetzen. Nicht mit Marketingkampagnen, sondern mit Trainingsrealität. Stärker werden dürfen ist kein Privileg – es ist ein Recht.

Quellen und fachliche Grundlagen

Die im Text dargestellten Inhalte stützen sich unter anderem auf folgende deutschsprachige Fachquellen: Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (Positionspapiere zu Krafttraining und Prävention), Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp, Trainingswissenschaftliche Grundlagen), Deutsche Sporthochschule Köln (Studien zu freiem Krafttraining und Verletzungsprävention), Leitlinien der Bundesärztekammer zur Bewegungstherapie, Lehrbücher der Trainingslehre nach Weineck und Hollmann/Hettinger, Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts zu Muskelmasse, Alterungsprozessen und Geschlechterunterschieden im Training.

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