Übersäuerung: Medizinische Realität oder Fitness-Mythos?

Übersäuerung: Medizinische Realität oder Fitness-Mythos?

Andrea Piacquadio Pexels
Übersäuerung: Mythos, Metapher oder medizinische Realität? Eine kritische Analyse für Fitness und Gesundheit

Warum der Begriff „Übersäuerung“ plötzlich wieder überall auftaucht

Es ist ein Begriff, der sich hartnäckig hält. „Übersäuerung“ wird verantwortlich gemacht für Müdigkeit, Muskelprobleme, vorzeitige Alterung, Bindegewebsschwäche und Leistungsabfall. Er taucht in Interviews mit Sportexperten auf, in Ernährungsratgebern, in Supplement-Werbung und in Gesprächen zwischen Freizeitsportlern. Gleichzeitig gilt er in der evidenzbasierten Medizin als unscharf, missverständlich oder sogar irreführend – zumindest in der Form, wie er im Alltag verwendet wird. Die zentrale Frage ist deshalb nicht, ob Säuren im Körper existieren – das tun sie selbstverständlich. Die Frage ist, ob der Körper durch Ernährung oder Lebensstil in einen chronischen Zustand der „Übersäuerung“ geraten kann, der die Gesundheit beeinträchtigt. Und noch wichtiger: Was meinen Menschen überhaupt, wenn sie von Übersäuerung sprechen?

Definition 1: Übersäuerung als medizinischer Zustand – die echte Azidose

Aus medizinischer Sicht ist der Begriff klar definiert. Der Blut-pH-Wert liegt beim gesunden Menschen zwischen 7,35 und 7,45. Dieser Bereich ist extrem stabil. Bereits geringe Abweichungen können schwere physiologische Konsequenzen haben, da nahezu alle enzymatischen Prozesse im Körper vom pH-Wert abhängen. Eine echte „Übersäuerung“ des Blutes wird als Azidose bezeichnet. Sie tritt nicht durch Ernährung oder Alltagsstress auf, sondern durch ernsthafte Erkrankungen wie Nierenversagen, schwere Infektionen, unbehandelten Diabetes oder Atemversagen. In solchen Fällen ist die Regulation des Säure-Basen-Haushalts gestört, und der Körper kann Säuren nicht mehr ausreichend ausscheiden oder puffern. Azidose ist kein Lifestyle-Phänomen, sondern ein medizinischer Notfall, der diagnostiziert und behandelt werden muss. Der gesunde Organismus hingegen verfügt über mehrere hochentwickelte Puffersysteme, darunter das Bicarbonat-System im Blut, die Atmung über die Lunge und die Säureausscheidung über die Nieren. Diese Systeme arbeiten permanent und automatisch.

Warum Ernährung den Blut-pH nicht „übersäuert“

Eine der häufigsten Annahmen ist, dass bestimmte Lebensmittel den Körper „übersäuern“. Fleisch, Kaffee, Zucker oder Getreide werden oft als säurebildend bezeichnet, während Gemüse und Obst als basisch gelten. Tatsächlich beeinflussen diese Lebensmittel den pH-Wert des Urins. Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Der Urin ist ein Ausscheidungsprodukt. Wenn der Urin saurer wird, zeigt das nicht, dass der Körper versagt – sondern dass er funktioniert. Die Niere scheidet überschüssige Säuren aus, um den Blut-pH stabil zu halten. Selbst extreme Ernährungsformen verändern den Blut-pH nur minimal, solange die Organe gesund sind. Das Konzept einer ernährungsbedingten chronischen Übersäuerung des Blutes ist daher aus physiologischer Sicht nicht plausibel.

Definition 2: Übersäuerung als funktionelle oder metaphorische Beschreibung

Die zweite Definition ist subtiler und zugleich problematischer. Hier wird „Übersäuerung“ nicht als messbarer Zustand im Blut verstanden, sondern als funktionelle Veränderung im Gewebe. In diesem Kontext wird behauptet, dass sich Säuren im Bindegewebe ansammeln, die Struktur verhärten und den Transport von Nährstoffen behindern. Der Begriff wird dann als Beschreibung für eine verminderte Gewebequalität verwendet. Doch hier verschwimmen Metapher und Physiologie. Es gibt keine etablierte diagnostische Methode, die eine solche „Übersäuerung des Bindegewebes“ eindeutig messen kann. Moderne medizinische Bildgebung, Biochemie und Histologie kennen viele Formen von Gewebeveränderung – Entzündung, Fibrose, Degeneration – aber keine standardisierte Diagnose namens „Übersäuerung des Bindegewebes“.

Was tatsächlich im Gewebe passieren kann

Das bedeutet nicht, dass Gewebe unveränderlich ist. Im Gegenteil. Chronische Entzündungen, Bewegungsmangel, Insulinresistenz, oxidative Belastung und schlechte Durchblutung können die Qualität des Bindegewebes beeinflussen. Kollagenstrukturen verändern sich, die Elastizität nimmt ab, und die mechanischen Eigenschaften des Gewebes verschlechtern sich. Diese Prozesse sind real und gut dokumentiert. Aber sie entstehen nicht durch eine simple Ansammlung von „Säure“, sondern durch komplexe metabolische und entzündliche Mechanismen. Der Begriff Übersäuerung wird hier eher als bildhafte Beschreibung verwendet – ähnlich wie man von „Verschlackung“ spricht, obwohl es im Körper keine Schlacken im technischen Sinne gibt.

Der Ursprung des Konzepts: Beobachtung statt Messung

Viele Experten, insbesondere im Bereich Sportmedizin und funktionelle Therapie, arbeiten stark mit manueller Diagnostik und Erfahrung. Sie fühlen Spannungen im Gewebe, beurteilen Muskeltonus und Elastizität und entwickeln daraus interpretative Modelle. Diese Beobachtungen können wertvoll sein, aber ihre Interpretation ist nicht automatisch identisch mit biochemischer Realität. Wenn ein Gewebe hart oder weniger elastisch erscheint, kann das viele Ursachen haben: mechanische Überlastung, Mikroverletzungen, Entzündung oder Alterungsprozesse. „Übersäuerung“ wird dann als vereinfachender Begriff verwendet, um ein komplexes Phänomen verständlich zu machen.

Der Einfluss von Training auf den Säure-Basen-Haushalt

Im Training entsteht tatsächlich Säure – genauer gesagt Wasserstoffionen, die den pH-Wert im Muskel vorübergehend senken. Dieser Prozess ist Teil der normalen Energieproduktion. Bei intensiver Belastung entsteht Laktat, ein oft missverstandenes Molekül. Laktat selbst ist nicht das Problem, sondern ein Marker für intensive Energiegewinnung. Der pH-Wert im Muskel sinkt kurzfristig, was zu dem bekannten Brennen führt. Doch innerhalb kurzer Zeit stellt der Körper das Gleichgewicht wieder her. Dieser temporäre Zustand ist kein Zeichen von Krankheit, sondern ein Zeichen funktionierender Physiologie.

Warum der Begriff so attraktiv ist

Der Begriff Übersäuerung ist attraktiv, weil er einfach ist. Er vermittelt eine klare Ursache und eine klare Lösung: basische Ernährung, spezielle Supplements oder Detox-Programme. In einer komplexen Welt bietet er eine einfache Erklärung für unspezifische Symptome wie Müdigkeit oder Leistungsabfall. Doch einfache Erklärungen sind nicht immer korrekt. Die moderne Physiologie zeigt, dass der Körper ein hochreguliertes System ist, das ständig Gleichgewicht herstellt.

Was tatsächlich wissenschaftlich gesichert ist

Eine Ernährung reich an Gemüse, Obst und unverarbeiteten Lebensmitteln ist gesund. Nicht weil sie den Blut-pH „basisch macht“, sondern weil sie Entzündungen reduziert, Mikronährstoffe liefert und den Stoffwechsel unterstützt. Ebenso ist Bewegung entscheidend für die Durchblutung, die Gewebequalität und die metabolische Gesundheit. Diese Effekte sind real, messbar und wissenschaftlich gut belegt. Sie benötigen keine metaphorische Erklärung über Übersäuerung.

Die Gefahr missverständlicher Begriffe

Das Problem entsteht, wenn metaphorische Begriffe als physiologische Fakten dargestellt werden. Das kann zu falschen Annahmen führen und unnötige Angst erzeugen. Menschen glauben dann, ihr Körper sei dauerhaft in einem gefährlichen Zustand, obwohl ihre Physiologie völlig normal funktioniert. Das kann zu überflüssigen Interventionen führen, die keinen nachweisbaren Nutzen haben.

Die Realität: Der Körper ist kein chemisches Opfer, sondern ein Regulator

Der menschliche Körper ist ein dynamisches System mit außergewöhnlicher Fähigkeit zur Selbstregulation. Säuren entstehen ständig – durch Atmung, Stoffwechsel und Bewegung. Aber ebenso ständig werden sie neutralisiert und ausgeschieden. Diese Fähigkeit ist ein zentraler Bestandteil der menschlichen Physiologie. Eine dauerhafte Übersäuerung im Sinne eines krankhaften Zustands entsteht nicht durch normale Ernährung oder Training.

Warum die Diskussion dennoch sinnvoll ist

Trotz aller Kritik enthält die Debatte einen wichtigen Kern: Lebensstil beeinflusst die Gewebequalität und den Alterungsprozess. Ernährung, Bewegung und metabolische Gesundheit bestimmen, wie gut der Körper regeneriert und funktioniert. Der Begriff Übersäuerung ist vielleicht nicht die präziseste Beschreibung – aber er verweist auf reale Zusammenhänge zwischen Lebensstil und körperlicher Funktion.

Die wissenschaftlich korrekte Einordnung für Fitness und Gesundheit

Für Sportler und gesundheitsbewusste Menschen ist die wichtigste Erkenntnis klar: Der Körper reguliert seinen pH-Wert selbst. Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung unterstützen diese Regulation indirekt, aber sie „entsäuern“ nicht im wörtlichen Sinne. Stattdessen verbessern sie die metabolische Effizienz, reduzieren Entzündungen und unterstützen die Regeneration. Das sind die tatsächlichen Mechanismen hinter besserer Leistungsfähigkeit und langfristiger Gesundheit.

Zwischen Metapher und Medizin: Wie wir den Begriff künftig verstehen sollten

Der Begriff Übersäuerung sollte nicht wörtlich, sondern kritisch verstanden werden. Als medizinische Diagnose ist er klar definiert und selten. Als metaphorische Beschreibung für Gewebeveränderungen ist er unscharf und interpretationsabhängig. Für Fitness und Gesundheit ist es wichtiger, sich auf messbare Faktoren zu konzentrieren: Ernährung, Bewegung, Schlaf und metabolische Gesundheit. Diese bestimmen die Qualität des Körpers – nicht ein vereinfachter Begriff, der mehr erklärt, als er tatsächlich beschreibt.

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