Die Spritze für mehr Muskeln? Können wir Fett eines Tages durch Muskelmasse ersetzen? Meta Title:

Die Spritze für mehr Muskeln? Können wir Fett eines Tages durch Muskelmasse ersetzen? Meta Title:

Andres Ayrton Pexels
Ozempic und Wegovy haben die Behandlung von Adipositas innerhalb weniger Jahre verändert. Plötzlich lässt sich etwas medikamentös beeinflussen, wofür zuvor fast ausschließlich dieselben Ratschläge galten: weniger essen, mehr bewegen. Doch während alle über Medikamente sprechen, die den Appetit reduzieren und das Körpergewicht sinken lassen, verfolgen Münchner Wissenschaftler eine fast gegensätzliche Idee.

Was wäre, wenn man nicht nur versucht, Fett abzubauen, sondern gleichzeitig den größten Stoffwechselapparat unseres Körpers wachsen lässt – unsere Muskulatur? Zugespitzt klingt die Idee spektakulär: Fett in Muskeln verwandeln. Ganz so funktioniert es natürlich nicht. Eine Fettzelle wird nicht plötzlich zur Muskelzelle. Trotzdem steckt hinter der Schlagzeile eine ernsthafte wissenschaftliche Frage, die für die Fitnesswelt mindestens so interessant ist wie für die Medizin.

Fett in Muskeln verwandeln – was meinen die Forscher damit?

2024 veröffentlichten Henning Wackerhage von der Technischen Universität München und seine Kollegen Arne Hinrichs, Eckhard Wolf und Martin Hrabě de Angelis im renommierten Journal of Physiology einen Beitrag mit einem bemerkenswerten Titel: „Turning fat into muscle: can this be an alternative to anti-obesity drugs such as semaglutide?“ Die Wissenschaftler stellen darin eine zunächst ungewöhnlich klingende Frage:

Könnte eine gezielte Vergrößerung der Skelettmuskulatur eines Tages therapeutisch genutzt werden, um Fettmasse zu reduzieren und gleichzeitig den Stoffwechsel zu verbessern? Wichtig ist die Unterscheidung: Die Forscher behaupten nicht, dass Fettgewebe biologisch direkt in Muskelgewebe umgewandelt wird. Gemeint ist vielmehr eine Verschiebung der Körperzusammensetzung. Muskelmasse nimmt zu, während Fettmasse abnimmt.

Warum ausgerechnet die Muskulatur?

Wer Krafttraining betreibt, denkt bei Muskeln zunächst an Kraft, Leistungsfähigkeit und vielleicht an das Spiegelbild. Medizinisch betrachtet ist Skelettmuskulatur jedoch sehr viel mehr. Sie ist ein großes stoffwechselaktives Organ und spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutzuckers. Muskelzellen nehmen Glukose aus dem Blut auf und speichern sie unter anderem als Glykogen. Körperliche Aktivität erhöht den Energieumsatz, und trainierte Muskulatur reagiert günstiger auf Insulin.

Hinzu kommt, dass Muskeln Signalstoffe freisetzen, sogenannte Myokine, über die sie mit anderen Organen kommunizieren. Die Idee, Muskelmasse gezielt gegen metabolische Erkrankungen einzusetzen, ist deshalb keineswegs so exotisch, wie die Formulierung „Fett in Muskeln verwandeln“ zunächst vermuten lässt.

122 Studien liefern inzwischen mehr als eine interessante Hypothese

2025 erschien eine umfangreichere wissenschaftliche Auswertung, an der ebenfalls Henning Wackerhage beteiligt war. Die Forscher analysierten insgesamt 122 Interventionsstudien – 99 Untersuchungen am Menschen und 23 Tierstudien – in denen eine Zunahme der Muskelmasse hervorgerufen und gleichzeitig Veränderungen von Fettmasse oder Glukosestoffwechsel untersucht worden waren. Bei den Humanstudien war eine Zunahme der gesamten Muskelmasse um etwa 1,9 bis 3,3 Prozent mit einer durchschnittlich um 4,1 Prozent niedrigeren Fettmasse verbunden.

Gleichzeitig fanden die Autoren im Mittel Verbesserungen beim HbA1c und beim Nüchternblutzucker. Das ist noch kein Beweis dafür, dass zusätzliche Muskelmasse automatisch eine bestimmte Menge Körperfett verschwinden lässt. Die eingeschlossenen Untersuchungen unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Teilnehmern, Dauer und Methode. Aber die Richtung ist interessant: Muskelaufbau verändert offenbar nicht nur den Bizepsumfang.

Warum Ozempic überhaupt Teil dieser Geschichte ist

Semaglutid gehört zu den GLP-1-Rezeptoragonisten. Die Medikamente reduzieren unter anderem den Appetit und können bei Menschen mit Adipositas zu erheblichen Gewichtsverlusten führen. Doch Gewichtsverlust bedeutet nicht automatisch ausschließlich Fettverlust. Bei einer deutlichen Gewichtsabnahme kann auch fettfreie Körpermasse verloren gehen. Genau hier setzt die Überlegung der Münchner Forscher an. Was wäre, wenn eine Therapie nicht nur das Körpergewicht reduziert, sondern gleichzeitig Muskelmasse erhält oder sogar vergrößert? Für die metabolische Gesundheit wäre das potenziell eine ausgesprochen interessante Kombination. Die Waage allein erzählt schließlich nur, wie schwer ein Mensch ist. Sie sagt nicht, aus welchen Geweben dieses Gewicht besteht.

Die eigentliche Revolution wäre nicht weniger Gewicht

Damit verändert sich auch die Zielsetzung. Bei Adipositas konzentriert sich die öffentliche Diskussion fast vollständig auf verlorene Kilogramm. Medizinisch könnte jedoch entscheidender sein, was genau verloren wird. Zehn Kilogramm weniger Körpergewicht sind nicht identisch mit zehn Kilogramm weniger Fettmasse. Wenn gleichzeitig relevante Mengen Muskelmasse verschwinden, kann das besonders bei älteren Menschen problematisch werden. Muskulatur benötigen wir für Kraft, Mobilität und Selbstständigkeit. Ein Verfahren, das Fettmasse reduziert und Muskelmasse gleichzeitig erhält oder steigert, wäre deshalb etwas grundsätzlich anderes als eine reine Gewichtsreduktion.

Kommt jetzt tatsächlich die Spritze für mehr Muskeln?

Hier muss man die spektakuläre Schlagzeile wieder auf den Boden der Forschung zurückholen. Es gibt derzeit keine allgemein verfügbare Spritze, mit der gesunde Menschen bequem Fett gegen Muskeln eintauschen können. Die wissenschaftliche Frage lautet vielmehr, ob sich Signalwege, die Muskelwachstum regulieren, therapeutisch beeinflussen lassen. Ein besonders bekannter Ansatzpunkt ist Myostatin beziehungsweise der Activin-Signalweg. Myostatin wirkt vereinfacht gesagt als eine Art natürliche Bremse des Muskelwachstums. Wird dieser Signalweg in Tiermodellen genetisch oder pharmakologisch gehemmt, kann die Muskelmasse deutlich zunehmen. Dass ein biologischer Mechanismus funktioniert, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass daraus eine sichere und sinnvolle Therapie für Millionen Menschen entsteht.

Mehr Muskelmasse ist nicht automatisch mehr Muskelkraft

Für Kraftsportler ist dabei eine Unterscheidung besonders wichtig. Ein größerer Muskel ist nicht automatisch ein entsprechend leistungsfähigerer Muskel. Krafttraining verändert nicht nur den Muskelquerschnitt. Es trainiert Bewegungsabläufe, neuromuskuläre Koordination, Sehnen und andere Strukturen des Bewegungsapparates. Der Körper lernt, vorhandene Muskulatur gezielt einzusetzen. Eine pharmakologisch hervorgerufene Zunahme der Muskelmasse könnte deshalb niemals automatisch sämtliche Anpassungen ersetzen, die durch tatsächliches Training entstehen. Genau an dieser Stelle wird aus der vermeintlichen „Trainingsspritze“ wieder ein medizinisches Forschungsprojekt.

Für wen wäre eine solche Therapie überhaupt gedacht?

Die spannendsten möglichen Anwendungen liegen vermutlich nicht im Bodybuilding. Denken wir an ältere Menschen mit Sarkopenie, Patienten, die aufgrund einer schweren Erkrankung lange immobilisiert sind, oder Menschen, die während einer Therapie erhebliche Muskelmasse verlieren. Auch bei Adipositas könnte der Erhalt beziehungsweise Aufbau von Muskelmasse therapeutisch relevant sein. Hier bekommt die Forschung eine ganz andere Dimension. Es geht dann nicht darum, ohne Training größere Oberarme zu bekommen, sondern darum, Stoffwechsel, körperliche Belastbarkeit und Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Der Muskel als Gegenspieler metabolischer Erkrankungen

Vielleicht ist genau das die interessanteste Botschaft der Münchner Forschung. Jahrzehntelang wurde Muskeltraining überwiegend als Sport betrachtet. Heute wissen wir immer besser, dass Muskelmasse und Muskelaktivität eng mit dem gesamten Stoffwechsel verbunden sind. Der Muskel nimmt Glukose auf, benötigt Energie, reagiert auf hormonelle Signale und kommuniziert über Botenstoffe mit anderen Geweben. Wenn Forscher deshalb untersuchen, ob Muskelhypertrophie therapeutisch gegen Adipositas und Störungen des Glukosestoffwechsels eingesetzt werden kann, ist das keine Suche nach einem neuen Fitness-Gimmick. Es ist die Konsequenz aus einem veränderten Verständnis dessen, was Muskulatur für unseren Körper bedeutet.

Und was bedeutet das heute für unser Training?

Für den Moment ist die erstaunliche Pointe, dass wir einen wesentlichen Teil des Effekts, den die Forschung pharmakologisch nutzbar machen möchte, längst selbst auslösen können: durch Krafttraining. Natürlich ist das nicht mit einer zukünftigen Arzneimitteltherapie gleichzusetzen, und Menschen mit schwerer Adipositas oder Erkrankungen lassen sich nicht mit dem Hinweis abspeisen, sie müssten einfach trainieren. Trotzdem zeigt die Forschung, wie sehr sich der Blick auf Muskeltraining verändert hat.

Kniebeugen, Kreuzheben, Rudern oder ein vernünftig aufgebautes Gerätetraining dienen nicht nur dazu, stärker auszusehen. Wir trainieren dabei ein Gewebe, das tief in unseren Energie- und Glukosestoffwechsel eingebunden ist. Vielleicht kommt eines Tages tatsächlich eine Spritze, die bestimmte Mechanismen des Muskelwachstums therapeutisch nutzt. Bis dahin besitzen wir allerdings bereits einen ziemlich wirksamen Muskelstimulus. Er liegt nicht in der Apotheke, sondern im Trainingsraum.




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