Mit 67 im Training: Warum es nicht „bergab“ geht, sondern komplizierter wird

Mit 67 im Training: Warum es nicht „bergab“ geht, sondern komplizierter wird

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Die Schlagzeile „Mit 60 geht’s bergab“ ist so beliebt, weil sie bequem ist. Sie liefert eine einfache Erklärung für alles: weniger Kraft, mehr Zwicken, längere Regeneration, schlechterer Schlaf. Praktisch, wenn man nicht genauer hinschauen will. Biologisch stimmt: Der Körper verändert sich. Aber was daraus folgt, ist nicht automatisch Abbau, sondern eine Verschiebung der Regeln. Mit 67 kann man sehr fit sein und trotzdem merken, dass man anders trainieren muss. Nicht weil man plötzlich zerbrechlich ist, sondern weil man die Stellschrauben ernst nehmen muss, die man mit 35 noch ignorieren konnte. Und genau da wird es interessant: Der Körper wird nicht schwächer, er wird ehrlicher.

Infokasten Dieser Artikel ist der Auftakt einer zusammenhängenden Reihe. Er ist als eigenständiger Beitrag lesbar, verweist aber bewusst auf zwei weitere Texte: einen zur Psychologie des Leistungsverlusts und einen zur Trainingspraxis 60+. Interne Links sind als Platzhalter gesetzt, damit du sie im Backend sauber auflösen kannst.

Der Alltagstest schlägt jede Theorie: Bewegung ist da, aber die Rechnung kommt später

Man kann sehr aktiv sein und trotzdem merken, dass das System anders tickt. Bei mir ist Bewegung kein Wochenendprojekt, sondern Alltag. Ich laufe, gehe viel, sammle Kilometer nicht als Heldensaga, sondern weil es mein Normalzustand ist. Genau deshalb taugt das Thema für einen ehrlichen Fitness-Text: Wer wenig macht, kann jede Veränderung dem Alter zuschieben. Wer viel macht, merkt, welche Veränderungen wirklich altersgetrieben sind und welche schlicht „Managementfehler“ sind: zu wenig Schlaf, zu viel Stress, zu wenig Krafttraining, zu wenig Regeneration, zu viel Optimismus in der Planung. Das Alter ist nicht die Ausrede, es ist der Verstärker.

Was sich ab 60+ tatsächlich verändert und warum „Sarkopenie“ nicht der Endgegner ist

Die nüchterne Biologie ist klar: Muskelmasse und Muskelqualität nehmen mit den Jahren tendenziell ab, wenn man nichts dagegen tut. Dieser Prozess wird häufig unter dem Begriff Sarkopenie zusammengefasst. Das klingt nach Klinikflur und Geriatrie, ist aber zunächst einfach eine Beschreibung dessen, was der Körper macht, wenn er keine Gründe bekommt, Muskulatur teuer zu erhalten. Der entscheidende Punkt ist: Sarkopenie ist nicht „ab 60 automatisch“, sondern „über Jahre kumulativ“. Wer mit 40 Krafttraining ignoriert, bekommt die Quittung nicht unbedingt mit 41, sondern mit 61, wenn eine Treppe plötzlich wie ein Argument wirkt. Wer dagegen konsequent Kraftreize setzt, kann den Trend nicht nur bremsen, sondern in Teilen umkehren. Das ist kein Motivationsposter, sondern Trainingsphysiologie.

Schnellkraft: Der Teil, den viele unterschätzen, weil er nicht so Instagrammable ist

Wenn sich im Alter etwas „bergab“ anfühlt, dann ist es häufig nicht die Maximalkraft, sondern die Schnellkraft. Also die Fähigkeit, Kraft schnell zu entwickeln: aufstehen, ausweichen, stolpern abfangen, sprinten, springen, reagieren. Das ist die Fähigkeit, die im Alltag über Sturzrisiko und Selbstständigkeit entscheidet, und im Sport über Explosivität und Technik. Die gute Nachricht: Schnellkraft ist trainierbar. Die schlechte Nachricht: Sie ist sensibler, braucht bessere Vorbereitung, saubere Dosierung und eine ehrliche Risikoabwägung. Wer Schnellkraft völlig meidet, verliert sie. Wer sie planlos erzwingt, gewinnt Schmerzen. Der Weg dazwischen ist intelligent: kurze, kontrollierte Reize, gute Technik, ausreichend Pause, und vor allem der Mut, weniger „zu ballern“ und mehr „zu treffen“.

Regeneration: Früher Luxus, heute Trainingsbestandteil

Mit 30 war Regeneration das, was man „auch noch“ macht, wenn Zeit ist. Mit 67 ist Regeneration Teil des Trainingsplans, ob man das romantisch findet oder nicht. Die Frage ist nicht, ob man sich erholt, sondern ob man seine Belastung so setzt, dass Erholung überhaupt möglich ist. Wer viel geht, läuft, arbeitet, Termine hat, Projekte hat und nebenbei noch „fit bleiben“ will, wird schnell merken: Schlafdefizit ist kein Charaktermerkmal, sondern ein Leistungskiller. Und es ist der Faktor, bei dem viele Männer in meinem Alter am liebsten so tun, als sei das ein kleines Detail, das man mit Kaffee und Härte kompensiert. Man kann. Kurz. Dann kommt die Rechnung in Form von Infektanfälligkeit, dauerhafter Reizbarkeit, schlechterer Trainingsqualität und dem Gefühl, dass der Körper „plötzlich“ nicht mehr mitmacht. Plötzlich ist nur das Wort für „lange ignoriert“.

Infokasten Ein praktischer Perspektivwechsel hilft: Nicht fragen „Wie viel kann ich heute machen?“, sondern „Wie gut kann ich mich davon erholen, ohne dass die nächsten zwei Tage leiden?“ Das ist nicht weniger ambitioniert, das ist erwachsenes Training.

Warum ich messe, ohne mich zu versklaven: Daten als Realitätsfilter

Ich bin kein Freund davon, Training in eine Excel-Religion zu verwandeln. Gleichzeitig bin ich auch kein Freund davon, mich selbst anzulügen. Genau deshalb nutze ich Messinstrumente: Blutdruck, Gewicht, Aktivität, Schlaf. Nicht als Selbstbestrafung, sondern als Feedback. Und ja, ich habe über die Jahre ein Setup gefunden, das in meinen Alltag passt, weil ich nachts messen kann, ohne vorher eine Uhr laden zu müssen, und weil ich Daten als Erinnerung nutze, nicht als Urteil. Wer zu wenig schläft, spürt es ohnehin. Der Unterschied ist: Mit Daten kann man den „Ich stell mich nicht so an“-Reflex ausschalten. Man sieht Trends. Man sieht Muster. Man sieht, dass Schlaf nicht nur ein Gefühl ist, sondern ein Faktor, der Trainingsergebnis, Stimmung und Gesundheit messbar verschiebt.

Die kleine Wahrheit über Genauigkeit: Kein Gerät ist perfekt, aber Selbsttäuschung ist schlimmer

Ein Detail, das viele unterschätzen: Messung ist nie absolut. Schrittzahl, Distanz, Kalorien, Schlafphasen sind Modelle, keine göttlichen Wahrheiten. Wer daraus die falsche Schlussfolgerung zieht („Dann ist alles wertlos“), schenkt sich eine bequeme Ausrede. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Man arbeitet mit Trends, nicht mit Dogmen. Wenn zwei Systeme unterschiedliche Laufkilometer anzeigen, kann man daraus lernen, statt sich aufzuregen. In der Praxis ist oft ein pragmatischer Mittelwert näher an der Realität als das blinde Vertrauen in eine einzige Quelle. Das ist nicht unromantisch, das ist schlicht die Realität von Consumer-Messung. Entscheidend ist, dass das Verhalten besser wird: mehr Konstanz, weniger Selbstbetrug, bessere Entscheidungen.

Tabelle: Was ab 40, 50, 60 typischerweise kippt und was man konkret dagegen tun kann

BereichTypische VeränderungWarum es passiertWas im Training wirklich hilft
MuskelmasseLangsamer Abbau ohne KraftreizeWeniger anabole Signale, weniger ReizdichteKonsequentes Krafttraining, progressive Reize, ausreichend Protein
SchnellkraftAbnahme der ExplosivitätNeuronale Faktoren, weniger schnelle Fasern, weniger PraxisKurze explosive, aber kontrollierte Reize, Technik, lange Pausen
Sehnen & BindegewebeLängere AnpassungszeitenGeringere Durchblutung, andere KollagenumsätzeLangsame Progression, isometrische Arbeit, exzentrische Kontrolle
RegenerationMehr Tage bis „wieder frisch“Schlaf, Stress, Entzündungsniveau, LebenslastPeriodisierung, Deloads, Schlafpriorität, Stressmanagement
Kardiovaskuläre ReserveVO2max sinkt ohne TrainingHerz-Kreislauf-Anpassungen gehen zurückRegelmäßige Ausdauer, Intervalle dosiert, Alltagsbewegung hoch halten


Blutwerte „okay“ ist gut, aber nicht das Ende der Geschichte

Viele Menschen hören „im grünen Bereich“ und schalten geistig ab. Verständlich, aber zu kurz gedacht. Gerade im Alter sind leichte Verschiebungen oft weniger ein Drama als ein Signal. Wenn Triglyzeride leicht erhöht sind oder LDL leicht erhöht ist, bedeutet das nicht automatisch Gefahr, aber es bedeutet: Der Stoffwechsel ist kein statisches Objekt. Er reagiert auf Schlaf, auf Stress, auf Ernährung, auf Trainingsqualität, auf Alkohol, auf Entzündungsphasen, auf Infekte und auf die Summe der letzten Wochen. Wer sehr aktiv ist, kann trotzdem solche Verschiebungen sehen. Das ist kein Widerspruch. Fitness schützt, aber sie immunisiert nicht gegen Biologie. Und genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Stellschrauben, die nicht mit „mehr Training“ zu lösen sind.

Das Problem ist selten „zu wenig Training“, sondern zu viel Unsichtbares

Bei vielen Männern in dieser Altersgruppe ist der Reflex simpel: Wenn etwas nicht stimmt, wird mehr gemacht. Mehr Schritte. Mehr Kilometer. Mehr Training. Das klingt nach Disziplin, ist aber oft ein Umweg, weil die entscheidenden Faktoren nicht im Training liegen, sondern daneben: Schlaf, Stress, Ernährung, Pausen, Flüssigkeit, Entzündungsmanagement. Man kann 16.000 Schritte am Tag gehen und trotzdem zu wenig regenerieren. Man kann laufen und trotzdem zu wenig Krafttraining machen. Man kann Krafttraining machen und trotzdem dem Körper zu wenig Baustoffe geben. Der Körper ist kein Gegner, den man mit Härte besiegt. Er ist ein System, das auf Signale reagiert. Mit 67 sind die Signale lauter. Wer das ignoriert, nennt es später „Pech“.

Infokasten Ein einfacher Selbsttest: Wenn du denkst, du brauchst „mehr Training“, frage zuerst, ob du in den letzten zehn Tagen ausreichend geschlafen hast. Wenn die Antwort nein ist, ist „mehr Training“ häufig nur eine elegante Form der Selbstsabotage.

Warum Schlaf im Alter nicht länger wird, aber wichtiger

Schlaf wird in Fitness-Texten gern wie eine moralische Belehrung behandelt. Das ist unerquicklich und bringt niemanden weiter. Realistischer ist: Schlaf ist ein Trainingsfaktor, der mit dem Alter an Bedeutung gewinnt, weil Fehlentscheidungen schneller Konsequenzen haben. Wenn ich weiß, dass ich tendenziell zu wenig schlafe, dann ist das kein Grund zur Selbstanklage, sondern ein Auftrag zur Struktur. Schlaf „trainieren“ ist ein brauchbarer Begriff, wenn man ihn nicht esoterisch macht. Es bedeutet: Regelmäßigkeit, Licht, Timing, Koffeinmanagement, Belastungssteuerung, abends nicht noch den Kopf in berufliche Konflikte stecken, die man nachts sowieso nicht löst. Schlaf ist nicht nur Erholung, sondern das Umfeld, in dem Anpassung passiert. Wer die Anpassung will, muss das Umfeld ernst nehmen.

Tabelle: Schlaf als Trainingsfaktor, ohne Romantik und ohne Wellness-Gelaber

BeobachtungTypische UrsacheKonsequenz im TrainingPragmatische Gegenmaßnahme
Kurze Nächte über mehrere TageStress, spätes Essen, spätes Arbeiten, BildschirmMehr subjektive Anstrengung, schlechtere Technik, höheres VerletzungsrisikoBelastung reduzieren, feste Abendroutine, Koffein früher stoppen
Schlaf wirkt „oberflächlich“Späte Aktivität, Alkohol, mentale ÜberlastungRegeneration verzögert, Stimmung instabilTraining früher am Tag, Alkohol reduzieren, Abendstress entschärfen
Frühes ErwachenCortisol, Licht, Gewohnheit, SorgenEnergie am Vormittag hoch, am Nachmittag Crash möglichLicht morgens gezielt, abends abdunkeln, mentale To-do-Liste auslagern


Die eigentliche Frage: Was ist das Ziel mit 67?

Mit 25 ist das Ziel oft schnell: aussehen, stärker werden, schneller werden, irgendetwas beweisen. Mit 67 wird das Ziel komplexer: leistungsfähig bleiben, gesund bleiben, frei bleiben, unabhängig bleiben, und ja, auch gut aussehen, wenn man ehrlich ist. Der Unterschied ist: Das Ziel muss zur Lebensrealität passen. Wer heute noch so trainieren will wie mit 30, hat entweder beneidenswert wenig Verpflichtungen oder eine gefährliche Fantasie. Realistischer ist: Training ist ein Werkzeug für Lebensqualität. Das bedeutet nicht weniger Ehrgeiz, sondern besserer Ehrgeiz. Das Ziel ist nicht, das Alter zu ignorieren. Das Ziel ist, es zu managen.

Was dieser Text absichtlich noch nicht macht

Er gibt dir noch keinen Wochenplan. Er nennt dir noch keine perfekten Prozentwerte und keine mystischen Zonen. Der Grund ist einfach: Bevor man über „wie“ spricht, muss man über „warum“ sprechen. Wenn du akzeptierst, dass der Körper nicht bergab geht, sondern andere Regeln bekommt, dann kannst du das Training daraus ableiten. Und genau das ist der Übergang zum nächsten Beitrag dieser Reihe: Die Biologie ist nur die eine Seite. Die andere ist das Ego. Denn vieles, was sich wie körperlicher Abbau anfühlt, ist in Wahrheit der Konflikt zwischen Selbstbild und Realität. Nicht der Muskel verliert zuerst. Oft verliert zuerst das Narrativ, das man über sich selbst erzählt.

Interne Verlinkung: Der psychologische Teil, den viele verdrängen

Wenn du nach diesem Text das Gefühl hast, dass dich nicht die Zahlen, sondern der Gedanke trifft, nicht mehr „wie früher“ zu sein, dann bist du genau im Thema des nächsten Artikels. Dort geht es nicht um Protein oder Periodisierung, sondern um Identität: warum Leistungsverlust so unangenehm ist, warum Männer das oft schlechter akzeptieren, und warum die Lösung nicht darin liegt, noch härter zu werden, sondern klüger.



Quellen Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J, et al. Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis (EWGSOP2). Age and Ageing. 2019;48(1):16–31. DOI:10.1093/ageing/afy169. | Reid KF, Fielding RA. Skeletal Muscle Power: A Critical Determinant of Physical Functioning in Older Adults. Exercise and Sport Sciences Reviews. 2012;40(1):4–12. DOI:10.1097/JES.0b013e31823b5f13. | Trombetti A, Reid KF, Hars M, et al. Age-associated declines in muscle mass, strength, power, and physical performance: a longitudinal study. Age (Dordr). 2016;38:1–14. | Watson AM. Sleep and Athletic Performance. Current Sports Medicine Reports. 2017;16(6):413–418. DOI:10.1249/JSR.0000000000000418. | Charest J, Grandner MA. Sleep and Athletic Performance: impacts on performance, injury risk and recovery. Sleep Medicine Clinics. 2020;15(1):41–57.

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